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Die Passage

Reise durchs Skagerrak. Epilog (2/2). Nach 900 Meilen

Im ersten Teil des Epilogs habe ich Meilen, Geld und Pannen gezählt. Das beantwortet ganz gut die Frage, was so eine Reise kostet.

Sagt aber fast nichts darüber, mit welcher Erfahrung man zurückkommt.

Ein Plan, von dem kaum etwas übrig blieb

Ursprünglich wollte ich über die Nordsee nach Norwegen. Ziemlich schnell wurde klar, dass uns die Vorhersage in dieser Saison stärker einschränkt als früher. Statt über Helgoland ging es über Grenaa, statt in Stavanger kamen wir in Oslo an, und so ging es ungefähr weiter.

Mal mussten wir warten. Mal wurden aus direkten 20 Meilen 54 zwischen den Schären, geschützt vor Wind und Welle. Manchmal versprach die Vorhersage unangenehmen Gegenwind, der dann gar nicht kam. In Hamburgsund war es umgekehrt: Ich legte nach dem Sturm ab, rechnete mit den angekündigten zwei Metern Welle und musste schnell an den Nachbarn denken, der mir geraten hatte zu bleiben.

Die wichtigste Erkenntnis zur Route: Der ursprüngliche Plan war keine Verpflichtung mehr. Wichtiger war, genug Reserven an Zeit, Diesel und Kraft zu haben, um ihn ändern zu können. Der Perfektionist in mir hat sich deutlich zurückgenommen und gelernt, mit dem Wind zu segeln, der gerade weht.

Zu zweit

Als Nastja und ich verabredeten, gemeinsam zu segeln, dachte ich vor allem an die praktische Seite. Nachtwachen von vier Stunden, statt allein in Zwanzig-Minuten-Häppchen zu schlafen – das klang überzeugend.

Dass ich fast zwei Monate lang ein paar Quadratmeter persönlichen Raum mit einem anderen Menschen teilen würde, daran hatte ich komischerweise nicht gedacht.

Im Nachhinein scheint mir das kein kleineres Risiko als das Wetter. Auf einem Boot kann man sich nicht in verschiedene Zimmer zurückziehen, und Müdigkeit streicht schnell jede überflüssige Diplomatie aus dem Umgang. Alles funktioniert, solange beide bereit sind, den Raum des anderen zu respektieren, nachzugeben und nicht jede Meinungsverschiedenheit zur Grundsatzfrage zu machen. Zumindest meistens.

Dafür war die Reise zu zweit eine ganz andere.

Man entscheidet sich leichter für eine lange Passage, wenn man weiß, dass man in vier Stunden abgelöst wird. Es sammelt sich weniger Müdigkeit an. In einer schwierigen Lage ist ein zweiter Mensch da, mit dem man die eigene Wahrnehmung abgleichen kann.

Und das Erlebte wird intensiver, wenn jemand dabei ist, der dasselbe gesehen hat. Später kann man sich an eine bestimmte Welle, ein seltsames Anlegemanöver oder einen zufälligen Abend erinnern, ohne die Hälfte des Zusammenhangs erklären zu müssen.

Auch fürs Grübeln bleibt weniger Zeit. Allein auf Passage kann man stundenlang im eigenen Saft schmoren. Zu zweit gibt es immer eine Wirklichkeit drumherum: Wache, Essen, Route, Gespräch, die Stimmung des anderen. Das war hilfreich.

Wahrscheinlich telefonierten wir deshalb fast jeden Tag mit Grigori, der etwa drei Monate allein unterwegs gewesen war. Manchmal dauerte das Gespräch nur kurz, aber zum ersten Mal habe ich verstanden, wie viel selbst so eine Verbindung nach außen bedeuten kann, wenn deine Welt für ein paar Wochen auf Boot, Wetterbericht und nächsten Hafen zusammenschrumpft.

Dorinda

Die wichtigste Veränderung lässt sich schwer in Zahlen fassen.

Aus Kiel bin ich mit einer Ohlson 29 ausgelaufen, die ich vier Saisons lang Schritt für Schritt nach meinen Bedürfnissen umgebaut hatte. Weiterzumachen schien logisch: noch etwas mehr Ausrüstung, mehr Autarkie, irgendwann eine Windfahnensteuerung.

Dann legte sich in Göteborg die ramponierte Dorinda neben uns. Edvard hatte drei Jahre an Bord gelebt und zweimal den Atlantik hin und zurück überquert. Sie sah deutlich schlechter aus als die RASSVET, dafür war jedes Detail dem Leben auf See untergeordnet.

Da kam die Frage auf: Baue ich mein Boot fertig aus, oder baue ich es für eine Aufgabe um, für die es nie konstruiert wurde?

Ein paar Tage später in Kopenhagen öffnete ich Scanboat „nur mal zum Gucken“ und kaufte die Great Dane 28 AURORA.

Wahrscheinlich ist genau das das wichtigste Ergebnis der Reise. Sie begann als Versuch herauszufinden, wie weit ich mit der RASSVET kommen kann. Und sie endete mit der Erkenntnis, mit welchem Boot ich weitersegeln will.

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#Passage
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