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Die Passage

Reise durchs Skagerrak. Teil 2. Kiel → Grenaa


Nachtschule


Die ersten zwei Stunden hielten wir gemeinsam Wache, während sich die Nacht langsam über die Kieler Bucht legte. Ich zeigte Nastja den Autopiloten, die Instrumente, Kurs, Geschwindigkeit, Tiefe und wie eine Wache funktioniert. Dann sagte sie, sie sei bereit, die erste Wache allein zu übernehmen.

Die Bedingungen waren fast wie auf einem Ausbildungstörn. Kein Wind, das Boot lief unter Motor, der Autopilot hielt eine gerade Linie Richtung Dänemark. In den nächsten vier Stunden musste man das Boot einfach seine langweilige, aber wichtige Arbeit machen lassen. Ich beschloss, dass ich häppchenweise schlafen konnte: alle dreißig Minuten aufstehen, die Lage checken und wieder wegdämmern.

Das war der erste kleine Kompromiss dieser Passage. Formal gibt es eine Wache. Tatsächlich bleibt die Verantwortung trotzdem beim Skipper, besonders wenn jemand zum ersten Mal nachts aufs offene Wasser hinausfährt.

Achterlicher Wind


Am Morgen, auf meiner Wache, rollte ich die Genua aus. Es war spürbar Berufsverkehr unterwegs, deshalb versuchten wir, außerhalb der Hauptschifffahrtswege zu bleiben und den Kurs großer Schiffe nicht öfter als nötig zu kreuzen.

Die ganze Passage über kam der Wind von achtern. Erst etwa 8 Knoten, gegen Ende blies es ein paar Stunden lang mit bis zu 28. Für mich war das ungewohnt: In den letzten drei Jahren bin ich meist hoch am Wind gesegelt.

Vor dem Wind habe ich etwas Nützliches entdeckt. Wenn man die Genuaschot weiter fiert und dem Segel mehr Bauch gibt, will es beim Rollen des Boots und bei drehendem Wind nicht mehr so gern auf die andere Seite. Verliert das Schothorn den Zug, zieht der gefüllte Teil des Segels es nach vorn und lässt es nicht auf den anderen Bug umschlagen.

Die Passage dauerte 26 Stunden. Insgesamt kamen etwa 140 Seemeilen zusammen. Unter Segeln hielt die Rassvet nur dann zuverlässig 5–6 Knoten, wenn von achtern schon rund 15 Knoten Wind schoben.

Routenplanung unterwegs


Eine Überraschung für sich war der Abschnitt entlang Langeland. Dort verlaufen die Schifffahrtswege DW und Route H. Kleinen Booten bleibt nur wenig Platz näher am Ufer. Nicht kritisch, aber entspannen konnte ich mich da nicht.

Zu den Wachen:
1. Schichten von vier Stunden funktionieren gut;
2. der Plan muss strikt eingehalten werden;
3. tagsüber, wenn alle im Cockpit sitzen, zerfließt der Rhythmus;
4. nachts bezahlst du dafür mit Aufmerksamkeit.

Richtig Nacht wurde es nicht. Um 22:00 Uhr verschwand die Sonne hinter dem Horizont, ließ aber einen hellen Schein zurück. Der hielt bis vier Uhr morgens, und dann wurde aus ihm gleich wieder der Tag. Dunkelheit gab es also schon, aber in Maßen.

Grenaa


Für die nächsten Tage war starker Wind angesagt. Grenaa war damit nicht einfach ein Zielhafen, sondern der Ort, an dem wir alles neu sortieren mussten. Wir kamen an, machten fest, atmeten durch und fingen an, die Umgebung zu erkunden.

Tagsüber sahen wir uns das Kattegatcentret, den Hafen und die Innenstadt an. Mit dem Ozeanarium war das so eine Sache. Drinnen gingen wir direkt in den Museumsshop, kauften ein paar Souvenirs und machten uns dann in aller Ruhe auf zu den Fischen. Danach kamen Haifütterung, Seehunde, Kaffee und fast ein ganzer Tag drinnen.

Erst beim Rausgehen bemerkte ich, dass die Drehkreuze mit Ticketkontrolle gegenüber dem Shop stehen und der Shop selbst der Ausgang ist. Wir waren also durch den Ausgang hereingekommen und hatten das ganze Zentrum gratis besichtigt. Peinlich.

Zu Mittag aßen wir im Havets Bord. Auf dem Teller kam ein Berg aus gebratenem, gekochtem und geräuchertem Fisch, geschälten Garnelen und kleinem Rogen. Erst konnte ich mir nicht vorstellen, wie man von Fisch ohne Beilage satt werden soll. Danach musste ich alle weiteren Mahlzeiten ausfallen lassen, das Abendessen eingeschlossen. Frage experimentell geklärt.

Pause


Der Aufenthalt in Grenaa lag nicht nur am Wind von der Nordsee. Auf der Passage hatte mich ein seltsames Leiden erwischt: Kopfschmerzen in der rechten Schläfe, die ins Auge ausstrahlten, Übelkeit und Verwirrtheit. Die Symptome hielten etwa 48 Stunden an und ließen nur langsam nach. Nurofen und No-Spa halfen nicht.

Ich ging die Möglichkeiten durch: Blutdruck, Dehydrierung, Migräne, Stress, Seekrankheit, Motorabgase oder etwas ganz anderes. Das Wichtigste aber war, nicht mit einem Zustand auf See zu gehen, den ich nicht verstehe.

Jetzt stehe ich vor der Wahl. Entweder weiter Stavanger anpeilen, dann liegen noch mehrere lange Passagen vor mir. Oder in den Oslofjord und danach entspannt in kurzen Küstenschlägen an der schwedischen Westküste entlang nach Süden.

Der Plan geht in die Brüche. Aber Passagen müssen zuerst sicher sein und erst danach nach einem Traum aussehen.

#Passage
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