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Die Passage

Reise durchs Skagerrak. Teil 9. Flucht aus Oslo und ein unerwarteter Unterschlupf

Reise durchs Skagerrak. Teil 9. Flucht aus Oslo und ein unerwarteter Unterschlupf

Warum nachts


Dem nächtlichen Auslaufen aus Oslo nach einem anstrengenden Tag sah ich gelassen entgegen. Dafür gab es mehrere Gründe.

Erst am Tag davor hatte ich mich versehentlich bis drei Uhr nachts festgelesen. Als ich zum Zähneputzen rausging, stellte ich fest, dass es gar nicht Nacht geworden war. Das Abendrot tauchte die eine Hälfte des Himmels in Orange, die andere in blasses Blau und ließ keinen einzigen Stern durch. Ende Juni ist Dunkelheit am sechzigsten Breitengrad eher eine Formsache.

Wir waren zu zweit, also konnten wir die Passage in Wachen aufteilen und die Müdigkeit mit kurzem Schlaf zum Teil ausgleichen. Nachts war es auf dem Oslofjord windstill, am Morgen sollte dann Gegenwind aus Süden aufkommen. Lieber ein paar Stunden unter Motor über glattes Wasser als später gleichzeitig gegen Wind und kurze, steile Welle anzukämpfen.

Und schließlich waren die Fischereigeräte im inneren Oslofjord ein deutlich kleineres Problem. Nach den blauen Kanistern, die wir auf dem Weg nach Norden ständig im Auge behalten mussten, war das ein wichtiger Vorteil der Nachtroute.

Am 25. Juni um 22:00 liefen wir aus Oslo Richtung Horten aus. Die Nacht war tatsächlich einfach. Um fünf Uhr morgens waren wir schon da.

Dreitausend Meilen


Horten ist rund um Karljohansvern gewachsen, den einstigen Hauptstützpunkt der norwegischen Marine. Heute gibt es dort ein Marinemuseum, ein U-Boot, mehrere Schiffe, Geschütztürme und allerlei Marinetechnik.

Aber das denkwürdigste Ereignis in Horten war nicht das Museum.

Schon in Oslo hatte ich im Scherz damit angegeben, dass in meinem Logbuch jetzt 3000 Seemeilen stehen. Für mich war das einfach eine weitere Zahl, die man gern laut ausspricht. Nastja hatte sie sich gemerkt.

In Horten ging sie allein einkaufen und besorgte Kerzen und eine kleine Napoleontorte. Dann zauberte sie an Bord alles überraschend hervor und veranstaltete eine kleine Feier für meine dreitausend Meilen.

Darauf war ich überhaupt nicht vorbereitet. Erst musste ich lachen, dann hätte ich vor lauter Gefühlen fast geweint. Nach Nachtwachen, Reparaturen, Wetterberichten und dem ständigen Nachrechnen von Distanzen hatte jemand bemerkt, was mir diese Zahl bedeutete, und daraus ein richtiges Ereignis gemacht.

Die Torte war klein. Die Kerzen auch. Es reichte völlig.

Fußballstille


Am Abend des 26. Juni spielte Norwegen gegen Frankreich. In der Bar neben der Marina hatten sich schon vorher die einheimischen Fans versammelt, mit Tröten, Trommeln und der festen Überzeugung, dass es ein schöner Abend wird.

Erst war es laut. Dann merkte ich, dass ringsum Grabesstille herrschte. Fast wie auf dem Friedhof, was für einen Haufen Fußballfans ziemlich ungewöhnlich ist.

Ich zog das Handy heraus und schaute auf den Spielstand: 1:4 für Frankreich.

Es sah tatsächlich nach einer Beerdigung aus. Die Norweger taten mir ein bisschen leid. Dafür habe ich hervorragend geschlafen.

Die Stadt aus den Inseraten


Am 27. Juni um acht Uhr morgens ging es weiter. Der Plan war, bis zwei Uhr nachmittags in Fredrikstad zu sein.

Den Namen der Stadt hatte ich ständig in Inseraten für norwegische Yachten gelesen. Ich war neugierig, was das für eine Yacht-Hochburg an der schwedischen Grenze ist. Die Stadt liegt an der Mündung der Glomma, und bis ins Zentrum fährt man ziemlich lange zwischen den Ufern des breiten Flusses.

Vor Ort sah es dann anders aus als erwartet. Im Zentrum gab es eine einzige Gastmarina ohne jede Ausstattung. Ich ging einkaufen, besorgte Brennspiritus für den Kocher und beschloss, nach etwas Passenderem zu suchen.

Wir fuhren hinüber ans andere Ufer. In der ersten Marina gab es keine Gastplätze. In der zweiten hing ebenfalls ein Schild, dass keine Gäste aufgenommen werden.

Ich hatte das Boot schon gewendet, als ein älterer Herr im Dingi zu uns herüberkam. Er fragte, was wir suchten, und bot uns an, neben ihnen festzumachen. Sie lebten in dieser Marina, könnten uns den Code für Toilette und Dusche geben, und für den Liegeplatz müssten wir nichts bezahlen.

In der Stunde davor hatte uns die Stadt dreimal zu verstehen gegeben, dass wir hier nicht erwünscht waren. Und dann kam jemand von sich aus mit einem kleinen Boot herüber, um uns einen kostenlosen Platz anzubieten und den Code für die Sanitäranlagen zu verraten.

Ich hätte nicht gedacht, dass auf der Welt noch Wunder geschehen und dass sie manchmal im Dingi kommen.

#Passage
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