← Alle Beiträge
Die Passage

Reise durchs Skagerrak. Teil 13. 54 Meilen statt 20

5. Juli 2026.

Nach der unfreiwilligen Rückkehr nach Malmön war es Zeit weiterzuziehen. Wir hinkten dem Zeitplan schon hinterher, und ich wollte unbedingt nach Marstrand, das man hier die Segelhauptstadt Schwedens nennt.

Auf direktem Weg sind es etwa 20 Meilen. Das Problem waren eine gelbe Wetterwarnung und 14–17 m/s Wind.

Also legte ich statt des direkten Wegs eine Route durch die inneren Fahrwasser zwischen den Schären. Heraus kamen 54 Meilen.

Es war einer dieser Fälle, in denen der Track auf der Karte völlig absurd aussieht, die Passage selbst aber fast wie Urlaub ist. Die meiste Zeit hielt sich der Wind um 15 Knoten und legte nur ein paar Mal auf 27 zu. Er kam von achtern, der Strom schob noch etwa einen halben Knoten mit, und die Felsen schirmten uns gegen die offene See ab.

In Marstrand trank ich einen Kaffee, stieg zur Festung hinauf und lief den Pfad rund um die Insel. Auf der einen Seite lag die ruhige Marina. Auf der anderen tobte das Meer, auf das ich mich heute wohlweislich nicht hinauswagen wollte.

Alles sah ein bisschen zu gut aus.

Zurück an Bord roch es im Salon stark nach Diesel.

Unter Krängung war Wasser samt einer Mischung aus Öl und Diesel aus dem Raum unter dem Motor unter meine Koje geschwappt. Genau dort lagen natürlich das Werkzeug und der Trinkwasservorrat.

Bis ein Uhr nachts schrubbten Nastja und ich das Boot mit Fairy und Klopapier. Boden, Schubladen, Flaschen, Werkzeug. Es hat schon seinen ganz eigenen Reiz, nach einer 54-Meilen-Passage statt zu Abend zu essen einen Rollgabelschlüssel vom Diesel zu befreien.

Die Ursache war ziemlich simpel. Von der Kühlbox führte ein Ablaufschlauch nach unten, und die Durchführung drumherum war nicht ordentlich abgedichtet. In normaler Lage lief das Wasser nach unten ab. Bei kräftiger Krängung entdeckte das System, dass es auch in die andere Richtung funktioniert.

Nach dem Putzen dichtete ich den Spalt um den Schlauch ab.

Am nächsten Tag war klar, wofür wir die 54 Meilen überhaupt gebraucht hatten. Draußen auf See waren Böen bis 45 Knoten angesagt, und selbst in der Marina sah ich bis zu 31. Zwischen den Stegen baute sich Welle auf.

Während wir drinnen saßen, schickte Grigori uns ein Foto einer Navigationswarnung von seinem NAVTEX: In der Ostsee wurden Störungen von GNSS, AIS, RADAR und DGPS beobachtet.

So wie die Lage gerade ist, navigieren wir wohl bald wieder mit Papierkarte und ganz normalem Kompass.

In den paar Sturmtagen entwickelte ich mein eigenes Ritual: ins Café gehen, einen Kaffee und ein Teilchen mit blåbär holen, mich ans Fenster setzen und zuschauen, wie der Wind das Meer wie Sahne aufschlägt.

#Passage
Original und DiskussionBeitrag in Telegram öffnen ↗