← Alle Beiträge
Die Passage

Reise durchs Skagerrak. Teil 16. Hauptstadtleben

Am 13. Juli liefen wir die letzten 22 Meilen bis Kopenhagen. Fünf Stunden unter Motor: Der Wind kam zwar von achtern, aber nur mit 5–7 Knoten, dafür setzte uns bis zu etwa ein Knoten Strom entgegen.

Wir machten in der östlichen Marina gegenüber von CopenHill fest, der berühmten Müllverbrennungsanlage mit Skipiste auf dem Dach. Eine Woche kostete 890 dänische Kronen, rund 100 Euro. Bei dem Preis fiel es schwer, die Hauptstadt schnell wieder zu verlassen. Außerdem klagte Nastja schon darüber, wie müde sie inzwischen war.

Am Ende blieben wir rund zehn Tage in Kopenhagen.

Einfach mal nicht reisen

Vor ein paar Jahren hatte ich hier schon eine Woche verbracht und fast alle Museen abgeklappert, die ich sehen wollte: Glyptotek, SMK, DAC, Designmuseum. Anfangs war ich darüber sogar ein bisschen enttäuscht. Womit sollte ich mich jetzt geistig erbauen?

Die Antwort war überraschend einfach: mit gar nichts.

Wir grillten auf dem Gasgrill der Marina, liehen uns Fahrräder und fuhren durch die Stadt, saßen auf den Bänken am Nyhavn, gingen in die Gewächshäuser des Botanischen Gartens und in den Zoo. Im Schmetterlingshaus war ich gleichzeitig begeistert, wie viele da um mich herumflatterten, und hatte Angst, aus Versehen einen mit der Schulter zu streifen.

Auf Grigoris Rat hin ging ich ins Home of Carlsberg. Ich hatte ein Biermuseum erwartet und kam mit Respekt vor einer Firma wieder heraus, die für ein gutes Lager ein eigenes Forschungslabor gegründet, eine Hefereinkultur gezüchtet und die pH-Skala entwickelt hat.

Auf CopenHill sind wir auch hinauf. Das Stadtpanorama ist großartig. Ein leichter Hauch Müllverbrennung ist im Preis inbegriffen.

Außerdem traf ich mich mit Nikita von @whaleflysails. Wir liefen einfach in der Gegend um Copenhagen Contemporary herum und tauschten Seegeschichten aus, von denen jede beim Nacherzählen schon ein bisschen weniger vernünftig klang als in dem Moment, in dem wir sie erlebt hatten.

Lille Bakery

Essen ist in Dänemark teuer, deshalb haben uns meistens Supermärkte und die French Dogs von 7-Eleven gerettet.

Doch gleich neben der Marina entdeckten wir die Lille Bakery. Jeden Morgen stand davor eine Schlange, manchmal für gut vierzig Minuten. Die Bäckerei war über Kickstarter mit der Unterstützung von zweihundert Leuten an den Start gegangen, und das Brot war dieses kollektive Vertrauen tatsächlich wert.

In dem Gebäck steckt so viel Butter, dass manche Teilchen schon beim leichtesten Druck auslaufen.

Nach ein paar Tagen war der Gang dorthin mein Morgenritual. Am letzten Tag wusste einer der Inhaber schon, dass wir weiterziehen, wünschte uns eine gute Passage und gab uns zehn Prozent Rabatt.

Dorinda ließ mich nicht los

Aber die ganze Zeit über dachte ich weiter an Dorinda. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass mir genau diese Logik inzwischen viel näher war.

Auch die RASSVET hätte ich weiter mit Ausrüstung behängen können. Aber Windfahnensteuerung, schwere Hochsee-Umbauten und große Autarkie passten schlecht zum Charakter meiner Ohlson 29. Immer öfter schaute ich mir in den Marinas Langkieler an und dachte nicht mehr an den nächsten Umbau, sondern an den nächsten Rumpf.

Eines Abends hielt ich es nicht mehr aus und öffnete Scanboat. Nur um mal zu schauen, was der Markt so hergibt.

Und da war sie.

Great Dane 28. AURORA. 9000 Euro.

Langkiel, erneuertes stehendes Gut, neue Seeventile aus Bronze, Windfahnensteuerung, ein frisches Großsegel und ein Yanmar 3GM30 von 2003. Eine echte Expeditionsyacht. Ein Hochsee-Panzer im Miniaturformat. Ich las die Anzeige mehrmals und merkte, dass sie viel zu gut aussah, um den Tab einfach wieder zu schließen.

Ich schrieb dem Verkäufer. Meine Hände zitterten leicht vor Aufregung.

Am nächsten Morgen um zehn trafen wir uns in der Marina, sahen uns das Boot an, gaben uns die Hand und unterschrieben den Kaufvertrag.

Ich glaube, einen spontaneren Kauf habe ich in meinem Leben noch nie gemacht.

Wir vereinbarten, dass die AURORA bis zur zweiten Septemberhälfte an ihrem Liegeplatz bleibt. Ich musste erst zurück nach Kiel und mich um den Verkauf der RASSVET kümmern.

Was ich nach dem Kauf fühlte, konnte ich nicht sagen. Keine Freude, keine Angst, keine Euphorie. Eher das Gefühl, dass etwas zu Großes passiert war und mein Kopf sich vorerst weigerte, das zu verarbeiten.

Ausgelaufen war ich aus Kiel mit einer Yacht.

Zurück ging es jetzt als Eigner von zweien. Ich bin also kein einfacher Skipper mehr, sondern gleich Admiral einer kleinen Flotte!

#Passage
Original und DiskussionBeitrag in Telegram öffnen ↗