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Die Passage war fast wie aus dem Lehrbuch. Meistens segelten wir raumschots. In den Engstellen frischte der Wind zeitweise auf 26 Knoten auf, also mussten wir die Genua etwas einrollen, sonst kämpfte der Autopilot zu verbissen mit dem Boot. Stellenweise liefen wir bis zu sieben Knoten.
Mein erster Eindruck von Göteborg war gemischt.
Die Architektur ist bunt gemischt. Die Marina ist teuer. Die Nachbarn sind seltsam. Dafür gefiel mir das Kunstmuseum so gut, dass ich ein Poster von einem der Gemälde kaufte, und bei Biltema ließ ich fast 400 Euro für neues laufendes Gut.
Mit der Marina lief es schlechter.
Alle Gastplätze wurden über Dockspot verkauft, das wir schon in Hamburgsund kennengelernt hatten. Zuerst durften wir überhaupt nicht an einen freien Platz, weil der „für Freunde“ reserviert war. Dann fand ich einen anderen freien Platz und buchte ihn bis Freitag.
Am Donnerstagabend wollte ich verlängern, aber der Platz war schon an den nächsten Kunden vergeben.
Am Freitag gegen elf Uhr vormittags kam ein deutsches Motorboot, dessen Crew uns mitteilte, dass wir jetzt bitte den Steg räumen sollten.
Nach Hamburgsund und Göteborg war meine Lust auf eine weitere Beziehung mit Dockspot merklich geschrumpft.
Aber in Erinnerung geblieben ist mir die Stadt aus einem ganz anderen Grund.
Neben uns lag eine alte 28-Fuß-Yacht namens Dorinda.
Sie sah aus, als wäre Ästhetik schon vor langer Zeit von der Prioritätenliste ihres Eigners gerutscht. Stellenweise schien es fast so viel Dichtmasse wie Gelcoat zu geben. Das übrige Gelcoat war ausgeblichen und abgescheuert. Die Segel hatten keine Persennings.
Trotzdem konnte ich nicht aufhören, sie anzuschauen.
Zwei Vorsegel auf Rollanlagen. Ein Sicherungssystem zum Einpicken. Alle Leinen ins Cockpit umgelenkt. Große selbstholende Winschen. Eine elektrische Ankerwinsch am Bug. Eine Windfahnensteuerung. Ein festes Deckshaus statt der üblichen Sprayhood. Ein Heckbügel, ein Bimini und noch ein Bügel über dem Deckshaus. Der Baumniederholer versetzt, damit das Cockpit frei bleibt.
Ich lief um sie herum und dachte, dass ich dieses hässliche Entlein mit Freuden kaufen würde.
Gelcoat kann man aufarbeiten. Lecks findet man. Einen Rumpf kann man neu lackieren. Aber ein paar Jahrzehnte gelungener Umbauten, sorgfältig ausgewählter Ausrüstung und das Wissen, was man auf See wirklich braucht, gibt es in keinem Laden zu kaufen.
Am Abend tauchte der Eigner auf.
Er hieß Edvard.
In den letzten drei Jahren hatte er zweimal den Atlantik überquert. Die ganze Zeit hatte er auf der Dorinda gelebt und war unterwegs gewesen. Jetzt war er endlich wieder zu Hause und wollte sich eine Weile vom Boot erholen.
Danach ergab ihr Aussehen plötzlich vollkommen Sinn.
Wir redeten fast den ganzen Abend. Ich fragte ihn über das Boot und den Atlantik aus, er erzählte von seinen letzten Jahren. Irgendwann ertappte ich mich dabei, dass ich ihn ein bisschen beneidete.
Vor mir lag keine heruntergekommene alte Yacht.
Vor mir lag ein Boot, das drei Jahre am Stück genau für das benutzt worden war, wofür man es einst gebaut hatte.
Spät am Abend wünschten wir uns eine gute Nacht und verzogen uns jeder auf seine 9-Meter-Yacht.
#Passage