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Ich habe lange auf die Karte und den Wetterbericht gestarrt und sogar Bekannten geschrieben, die schon an der schwedischen Südwestküste entlanggesegelt waren. Am Ende beschloss ich, direkt nach Helsingør zu segeln.
115 Seemeilen.
Das Wetter spielte mit, die Stadt lag bequem auf dem weiteren Weg nach Kopenhagen, und vor allem wollte ich einfach wieder einmal vierundzwanzig Stunden auf See sein.
Wir teilten die Passage in Vier-Stunden-Wachen ein und legten ab.
Nastja stellte fast sofort fest, dass wir nur noch vier Liter Trinkwasser hatten, und regte sich zu Recht darüber auf. Ich erklärte, das reiche für einen Tag mehr als genug. In Wahrheit wollte ich nur keinen Zwischenstopp einlegen. Am Ende ging tatsächlich nur eine der beiden Flaschen drauf.
Der grüne Strahl
Abends beobachtete ich die untergehende Sonne besonders aufmerksam.
Es gibt eine atmosphärische Erscheinung, die man Green Flash nennt. In den letzten Sekunden des Sonnenuntergangs leuchtet der obere Rand der Sonnenscheibe manchmal für einen Augenblick knallgrün auf. Noch seltener sieht man über dem Horizont sogar einen kurzen grünen Strahl. Dafür braucht es einen klaren, weiten Horizont und die passende Atmosphäre.
Grischa erzählte, er habe ihn schon zweimal gesehen. Ich noch nie.
Deshalb hypnotisiere ich jedes Mal, wenn eine Nachtpassage auf einen klaren Sonnenuntergang fällt, in den letzten Minuten praktisch die Sonne. Auch diesmal versank sie wieder seelenruhig hinter dem Horizont, ohne mir irgendetwas zu zeigen.
Morgenwache
Morgens kam ich zu meiner Wache an Deck, pickte mich ein und saß eine Weile einfach nur im Cockpit.
Am Himmel hingen kleine Wolken, angestrahlt von der aufgehenden Sonne. Das Meer hatte sich fast geglättet und spiegelte das alles so gut, dass die Grenze zwischen Wasser und Himmel zeitweise verschwand.
Ich hatte es nirgendwohin eilig. Das Boot lief, die vorige Wache schlief, vor uns lagen noch ein paar Stunden.
Genau wegen solcher Stunden wollte ich mal eine längere Strecke segeln.
Vierundzwanzig Stunden nach dem Ablegen kamen wir in Helsingør an.
Helsingør
Die Marina war groß und komfortabel. An den Plätzen hängen rote und grüne Schilder, man sieht sofort, wo Gäste festmachen dürfen, und die Breite des Platzes steht gleich mit dabei. Angelegt wird wie gewohnt: mit dem Bug zum Steg und dem Heck zwischen den Pfählen.
Helsingør selbst war ein toller Ort für ein paar Tage Pause. Ein Strand, das Øresund Aquarium mit Streichelbecken, das Schifffahrtsmuseum und das riesige Schloss Kronborg, alles nur ein paar Gehminuten entfernt. Das Aquarium gehört übrigens zur Universität Kopenhagen und zeigt gezielt die heimische Unterwasserwelt.
Kronborg steht an der engsten Stelle des Sundes und erlaubte es einst, den Schiffsverkehr durch den Öresund zu kontrollieren. Später wurde es königliches Schloss und dank Shakespeare obendrein zu jenem Elsinore aus „Hamlet“.
In seinen Kasematten sitzt ein riesiger Holger Danske. Der Legende nach schläft er, bis Dänemark in echte Not gerät. Dann wacht er auf und zieht los, um das Land zu verteidigen.
Etwa zehn Kilometer weiter südlich liegt das Louisiana, eines der besten Museen für moderne Kunst in dieser Gegend. Von Helsingør fährt man am einfachsten mit dem Zug bis Humlebæk.
Nach vierundzwanzig Stunden auf See wollte ich mich erst mal nirgendwohin bewegen.
Ein paar Tage ruhen wir uns hier aus, dann geht es weiter nach Kopenhagen.
#Passage