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Die Passage

Reise nach Bornholm. Nachwort

Allein auf See
Keine Meetings, keine Routen nach fremden Vorgaben, kein „nur noch fünf Minuten“ beim Anlegen. Nur du, das Boot und der Horizont. Was dann passiert, liegt bei dir – unter deinem Segel. Niemand sagt dir, was du tun sollst. Nur du entscheidest, wann du ablegst, wohin du segelst, wie lange du schläfst und was du tust, wenn etwas kaputtgeht oder das AIS wegen kreuzender Kurse Alarm schlägt.

Ich bin in Lübeck losgesegelt und habe eine Runde durch die westliche Ostsee gedreht: ein Halt im wilden und lebendigen Barhöft bei Rügen, dann übers Meer ins eigenwillige Rønne auf Bornholm, einmal um die Insel herum zur rauen Schönheit von Christiansø, eine 24-stündige Passage ins menschenleere Gedser, weiter in den Badeort Heiligenhafen bei Fehmarn – und dann nach Hause, nach Kiel.

Ich bin unter Segeln über die offene See gelaufen. Habe unter Sternen geschlafen. Verkehrstrennungsgebiete gekreuzt. Bin mit gestelltem Timer eingeschlafen. Vom Kreischen der Möwen aufgewacht. Ich habe Schweinswale gesehen, im Morgengrauen in einer leeren Marina angelegt und an der Grenze eines militärischen Übungsgebiets aufgekreuzt, als von dort über Funk mein Rufname kam. Ich bin auf Grund gelaufen und habe die Seenotretter gerufen. Habe eine Relingsstütze herausgerissen, einen Fender verloren und die Halterung einer Navigationsleuchte angeknackst. Es gab Momente, in denen ich seekrank war, in denen mir vor Erschöpfung die Luft wegblieb, in denen der Autopilot nicht reagierte. Und dann tauchte aus dem Nebel die Silhouette des Ehrenmals in Laboe auf, und ich wusste: Ich bin zu Hause.

Aber es geht nicht um die Punkte auf der Route. Das Wichtigste passierte in mir. Es ging um Vertrauen: in mich selbst, ins Boot, in den Wind. Darum, die Kontrolle loszulassen. Innerlich ruhig zu bleiben, auch wenn um dich herum alles schwankt. Für 15 Minuten einzuschlafen, obwohl dich niemand absichert. Dir einzugestehen, dass du Angst hast – und trotzdem rauszufahren.

Was ich gelernt habe
1. Intervallschlaf ist kein Witz. Der Autopilot kann aussteigen, ein entgegenkommendes Schiff aus dem Nichts auftauchen. 30 Minuten Schlaf sind schon Luxus. Besser 15–20 Minuten mit Timer.
2. Plane deine Schlafphasen schon vor dem Ablegen. Die Müdigkeit kommt plötzlich. Versuch, nachts keine Engstellen zu passieren und nicht aufzukreuzen.
3. Du musst nicht im Cockpit schlafen. Das ist unbequem und kalt. Geh lieber runter in den Salon, leg dich 15 Minuten hin und dann zurück auf Wache.
4. Festmacher und Fender vorher klarmachen. Führ die Bugleinen ins Cockpit. Zwei Fender pro Seite reichen. Häng sie so, dass du sie vom Cockpit aus mit dem Bootshaken runterlassen kannst. Die übrigen hängst du nach dem Anlegen raus.
5. Wenn du zweifelst – segle nicht allein. Hol dir jemanden an Bord. Teilt euch Wachen von 4–6 Stunden. So bleibt Zeit zum Essen und Ausruhen, und ihr teilt das Wichtigste – die Erlebnisse.

Das war nicht nur eine äußere, sondern auch eine innere Reise. Ich habe gelernt, auf mich zu hören, meinem Instinkt zu vertrauen, Entscheidungen zu treffen und loszulassen. Diese neun Tage sind ein Kapitel, zu dem ich noch oft zurückkehren werde – in Gedanken wie auf See.

Statistik
Route: Lübeck → Bärhöft → Rønne (Bornholm) → Christiansø → Gedser → Heiligenhafen → Kiel
Zeitraum: 21.–30. April 2025
Distanz: 417 Seemeilen
Dauer: 9 Tage
Wind: 2–5 Beaufort
Wellen: 0,5–2 Meter
Chronik der Reise: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7, Teil 8
📍 Routenkarte – falls du die Strecke in meinem Kielwasser nachsegeln willst

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