Die Passage
In den Nord-Ostsee-Kanal: Kiel – Rendsburg
Am 1. August 2025 begann eine neue Route: raus in die Nordsee zu den Inseln im Wattenmeer. Die Nachbarn in der Marina sagten: „Da fahren wir nicht hin, viel zu gefährlich.“ Aber mich selbst zu testen reizte mich mehr, als mir die Ängste anderer anzuhören. Was ist das Wattenmeer Das Wattenmeer – das sind Flachwasser, Sandbänke und Inseln entlang der Küsten Dänemarks, Deutschlands und der Niederlande.
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Am 1. August 2025 begann eine neue Route: hinaus auf die Nordsee zu den Inseln des Wattenmeers. In der Marina meinten die Nachbarn: „Da fahren wir nicht hin, viel zu gefährlich“. Aber mich selbst auf die Probe zu stellen reizte mich mehr, als mir die Ängste anderer anzuhören.
Was ist das Wattenmeer?
Das Wattenmeer – das sind Flachwasserzonen, Sandbänke und Inseln entlang der Küsten von Dänemark, Deutschland und den Niederlanden. Hier ändert sich alles im Stundentakt: Die Lagune vom Morgen kann mittags schon eine Wüste sein. Für Segler ist das eine Wissenschaft für sich. Die Fahrwasser sind nur bei Flut passierbar, und wer sich bei Zeit oder Kurs verschätzt, sitzt auf Grund – und wartet lange auf das nächste Hochwasser. Währenddessen schlagen die Wellen das Boot gnadenlos auf den Grund. Kein Wunder, dass die Region auf der UNESCO-Liste steht: Diese Verbindung aus wilder Natur und ständig bewegtem Meer ist für sich schon einzigartig.
Die ersten Meilen im Kanal
Mittags verließ das Boot Kiel. Auf UKW-Kanal 12 der Funkverkehr der Verkehrszentrale des Nord-Ostsee-Kanals. Das war schon meine fünfte Schleusung in dieser Saison, alles eingespielt: keine Überraschungen. Weiter ging es Richtung Rendsburg, wo am Abend mein Mitsegler Konstantin zusteigen sollte.
Das Wetter machte uns munter: 25 Knoten Gegenwind und Regenschauer, die geradezu auf den ungünstigsten Moment zu warten schienen. Im Kanal ist das Wasser allerdings ruhig, wir konnten volle Fahrt laufen. Die Ufer waren grün zugewachsen, über dem Wasser kreisten Möwen und Kormorane. Angler gab es reichlich, wir mussten ihnen ausweichen, und jedes Mal fragte ich mich, wer hier eigentlich Vorrang hat: das Boot mit Motor oder der Mann mit der Angel.
Die Stadt mit der blauen Linie
Bis Rendsburg waren es rund 21 Seemeilen und fünf Stunden. Auf der Karte sieht die Route wie eine gerade Linie aus, in Erinnerung bleiben aber die Details: Regen auf dem Deck, der Geruch des Waldes am Kanal, entgegenkommende Schiffe. Am Abend ein Café, warmes Essen und das Treffen mit Konstantin, angereist mit dem Bus aus Hamburg.
Und Rendsburg selbst? Ein Städtchen mit 30.000 Einwohnern. Alte Häuser, Brücken und Uferpromenaden. Ein schönes Detail: Durch die Innenstadt zieht sich eine blaue Linie, die an allen Sehenswürdigkeiten vorbeiführt. Praktisch – du gehst wie auf einer Route auf der Karte und landest nach und nach mitten in der Geschichte. Ein einfacher Spaziergang, aber genau solche Kleinigkeiten machen eine Stadt unvergesslich.
#Passage
Wetter auf der Passage
Die Passage
Rendsburg – Glückstadt
2. August 2025. Ablegen in Rendsburg um 07:30. Gleich zu Beginn sah man die riesigen Reparaturdocks. Etwas weiter – die Brücke mit der Schwebefähre. Ich hätte sie zu gern in Aktion gesehen, aber die Ampel zeigte Rot. Nach einer Weile fiel mir etwas Merkwürdiges auf: Das Wasser im Kanal hatte die Farbe gewechselt.
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Nord-Ostsee-Kanal
2. August 2025. Ablegen in Rendsburg um 07:30. Gleich zu Beginn der Blick auf riesige Reparaturdocks. Etwas weiter die Brücke mit der Schwebefähre. Ich hätte sie zu gern in Aktion gesehen, aber die Ampel zeigte Rot.
Nach einer Weile fiel mir etwas Merkwürdiges auf: Das Wasser im Kanal hatte die Farbe gewechselt. Das Smaragdgrün wich nach und nach einem weinroten Ton. Wir hatten die Kanalmitte passiert, und es kam mir vor wie das erste Zeichen, dass wir uns der Nordseenähern. Das dichte Grün vor dem dunklen Wasser sah eindrucksvoll aus.
Gegen zwei Uhr nachmittags erreichten wir die Schleusen. Anders als im Osten gibt es hier zwei Paare – für große und für kleine Schiffe. Etwa eine Stunde warteten wir auf die Öffnung. Zuerst das grüne Signal – die Lastkähne fahren ein. Dann wechselt das Licht auf Weiß, und die Yachten dürfen hinterher. Der Schleusenwärter wartet geduldig, bis alle drin sind, und schließt erst dann das Tor. Auf der anderen Seite fahren die Schiffe streng der Reihe nach aus: zuerst die erste Yacht, dann eine nach der anderen.
Elbe
Kaum waren wir aus der Schleuse, schlug uns ein kräftiger Westwind entgegen. Das fiel mit Niedrigwasser zusammen: Die Flut drängte nach Osten Richtung Hamburg. Die Welle stieg auf anderthalb Meter. Das Meer empfing uns hart, und direkt dagegen anzukämpfen hatte keinen Sinn. Wir beschlossen, mit dem Strom nach Osten zu laufen. Genua hoch, und das Boot machte 8 Knoten – eine Seltenheit für diesen Rumpf. Am Abend erreichten wir Glückstadt.
Das Anlegen war spannend: Der Strom war so stark, dass das Boot bei langsamer Fahrt auf der Stelle stand. Wir konnten drehen und einen Ferry Glide fast wie aus dem Lehrbuch fahren. An Land empfing uns der Hafenmeister und nahm 12 Euro für die Nacht. An diesem Tag: 50 Seemeilen in 10 Stunden.
Unverhoffte Begegnung
Neben uns lag ein Boot, auf dem ein junger Mann Russisch sprach. Ihr Motor war gleich nach dem Kanal ausgegangen, und sie hatten unter Segeln anlegen müssen. Er wartete auf einen Mechaniker, und wir kamen ins Gespräch. Es stellte sich heraus, dass er in Lübecküberwintert hatte, nicht weit von meiner Marina, und in diesem Winter seinen Saildrive repariert hatte. Da machte es bei mir klick: Genau letzten Winter hatte ich einem Bekannten eine Werkstatt und ein paar Marinas in der Nähe empfohlen. Ich frage: „Sag mal, ist das nicht zufällig dein Kumpel?“ Er nickt: „Ja, wir segeln zusammen. Er ist gerade nach Berlin gefahren“. Einen Moment lang konnte ich es nicht glauben. Solche Zufälle scheint das Meer absichtlich einzustreuen, um uns zu erinnern: Der Kreis der Leute hier ist ziemlich klein.
Die Stadt des Glücks
Glückstadt – eine kleine, gemütliche Stadt mit reicher Geschichte. Sie wurde 1617 als Hafen an der Elbe unterhalb von Hamburg gegründet und hat sich seither das Gesicht einer alten Handelsstadt bewahrt. Enge Gassen, Giebelhäuser, Kanäle. Viele Lokale tragen das Wort Glück im Namen. Wir spazierten über die Promenade und durch die Altstadt und schauten in den Park, der einst ein königlicher Garten war. Ein Abendessen im Dönerladen um die Ecke beschloss den Tag.
Manöverkritik
Das Tidenrevier beginnt direkt hinter den Schleusen, und das solltest du ernst nehmen. Der Strom erreicht 3–4 Knoten, die Welle bis zu 2 Meter. Schon vor dem Auslaufen aus dem Kanal heißt es: Vorhersage und Gezeitentafeln prüfen, Zeitpunkt und Ziel wählen. Unser Glück, dass wir rechtzeitig auf die Idee kamen, nach Glückstadtauszuweichen, aber auf Zufall darf man sich in solchen Gewässern nicht verlassen.
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Wetter auf der Passage
Die Passage
Nach Cuxhaven
3. August 2025. Um 9 Uhr morgens ausgelaufen, eine Stunde vor Hochwasser. Ich war nicht sicher, wie lange wir mit den Strömungen bis Cuxhaven brauchen würden. Wind 25 Knoten, zwei Reffs im Großsegel. Solange wir die Elbe nach Norden hinunterliefen, konnten wir noch segeln. Hier kommt der Wind, wie auf der Ostsee, meist aus West.
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Gegen den Wind
3. August 2025. Ausgelaufen um 9 Uhr morgens, eine Stunde vor Hochwasser. Wir wussten nicht genau, wie lange wir mit den Strömungen bis Cuxhaven brauchen würden. Wind 25 Knoten, zwei Reffs im Groß. Solange wir auf der Elbe nach Norden liefen, konnten wir noch segeln. Hier weht der Wind, wie an der Ostsee, meist aus Westen.
Nach anderthalb Stunden bog der Fluss nach Westen ab, und der Wind kam genau von vorn. Die Genua rollten wir ein, Großsegel und Motor blieben. Die Welle baute sich allmählich auf einen Meter auf. Jede lief auf den Bug und bremste uns auf zwei Knoten herunter. So kamen wir nicht mehr voran. Wir beschlossen, unter Groß und Motor aufzukreuzen. Wir kreuzten zwischen den Nord-Kardinalzeichen, die das Flachwasser absichern, und den grünen Tonnen am Rand des Fahrwassers. Normalerweise verdoppelt Kreuzen den Weg, aber die Geschwindigkeit vervierfachte sich, auf 8,5 Knoten.
Unter der Sprayhood musste ich gleichzeitig Wind, Tonnen und die Schiffe im Fahrwasser im Blick behalten. Kostja hatte die Pinne. Der Regen prasselte aufs Deck. Die Kommandos kamen Schlag auf Schlag: „Links! Noch mehr links! Hart rechts!“ Irgendwann rief ich: „Nach links drehen, da hält ein Frachter auf uns zu!“ Kostja wunderte sich: „Und was will der hier?“ Mir fiel als Antwort nur ein Witz ein: „Weil er Lust drauf hat.“.
So ging es weiter bis Cuxhaven. Stellenweise gerieten wir in brodelnde Zonen mit Gegenströmung – das Wasser wurde sandfarben. Das alles war neu für mich. Zuletzt hatte ich so etwas im Solenterlebt, an den Einfahrten von Beaulieu River und Newtown Bay.
30 Seemeilen in 5,5 Stunden.
Den Sturm abwettern
In der Marina gab es reichlich Platz. Liegegeld 19 Euro pro Nacht. Beim Hafenmeister bekommt man kostenlose Tickets für den Strand, der sonst nur gegen Eintritt zugänglich ist. Noch ein Plus: Hier kann man zum letzten Mal vor dem Wattenmeer Diesel ohne Bio-Beimischung tanken.
Wir mussten drei Tage bleiben: Über die Nordsee zog Sturm Floris, in dessen Zentrum der Wind 60 Knoten erreichte. Auf MarineTraffic verfolgte ich Grigori, der gleichzeitig mit uns ausgelaufen, aber Richtung Norwegengesegelt war. Er wartete den Sturm im Nordosten von Jütlandab. Da kam mir die Idee für einen Telegram-Bot, der die Positionen befreundeter Yachten anzeigt. Das Grundgerüst habe ich unterwegs zusammengebaut, jetzt fehlen nur noch Kleinigkeiten.
Die Stadt selbst erwies sich als ruhig und gemütlich. Im Norden die Promenade mit Stränden und Cafés, im Süden das Zentrum mit den Geschäften. Wir spazierten durch den Park, sammelten Muscheln und holten uns im Meer nasse Füße. Im Schlossmuseum lief eine Ausstellung mit Papierkunst: Sie gefiel mir so gut, dass ich den Katalog kaufte.
Die Tücken der Seewettervorhersage
Am 6. August zeigte Windy 24 Knoten Wind. Eigentlich hätte man reffen und auslaufen können. Aber selbst wenn der Wind nachlässt, beruhigt sich das Meer nicht sofort. Die Welle läuft weiter und hält sich noch mehrere Tage, besonders wenn ihr auf dem Weg über die Nordsee nichts im Weg steht. Nur auf die Windvorhersage zu schauen ist ein Fehler. Du musst die Wellenkarte öffnen und die „Vorgeschichte“ der letzten Tage berücksichtigen. Sonst bekommst du bei scheinbar harmlosen 20 Knoten drei Meter Seegang, auf den weder Boot noch Crew vorbereitet sind.
Die Wellen waren höher, als das Boot breit ist. Das Meer blieb also gefährlich, trotz mäßigen Windes.
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Wetter auf der Passage
Die Passage
Raus aufs offene Meer: Helgoland
7. August 2025. Auf diesen Tag hatten wir besonders ungeduldig gewartet: Nach drei Tagen Zwangspause im Hafen ging es endlich wieder raus aufs Meer. Die Vorhersage versprach keinen Spaziergang – Südwest bis 24 Knoten, also den ganzen Weg gegenan. Auf offener See setzt der Strom selten mit mehr als 1,5 Knoten, aber unter Land können dir 3–5 Knoten entgegenstehen.
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Planung
7. August 2025. Auf diesen Tag hatten wir besonders ungeduldig gewartet: Nach drei Tagen Zwangspause im Hafen ging es endlich wieder auf See. Die Vorhersage versprach keinen Spaziergang – Südwest bis 24 Knoten, also den ganzen Weg gegenan. Auf offener See übersteigt der Strom selten 1,5 Knoten, aber unter Land kann man bis zu 3–5 Knoten gegen sich haben.
Aus Cuxhaven mussten wir mit der Ebbe auslaufen und die rund 15 Seemeilen durchs Watt schaffen, bevor die Flut einsetzt. Die Schwierigkeit lag im Zeitplan: die erste Ebbe um 01:46, die zweite erst um 13:49. Viel Auswahl gab es nicht – vor fünf Uhr morgens los, um die Elbe rechtzeitig zu verlassen. Bei Helgoland ist es einfacher: Anlaufen kann man jederzeit, es gibt keine starken Strömungen und keine trockenfallenden Hafenzufahrten.
Die Passage
Um 04:45 legten wir ab und verließen die Stadt. Die Vorgabe war knallhart: 15 Seemeilen bis acht Uhr morgens. Und dann die Überraschung – fast kein Wind, das Meer glatt wie ein Spiegel. Also unter Motor. Der Plotter zeigte 9,8 Knoten, die Logge nur 5. Fast 10 Knoten über Grund. Für die «Rassvet» ist das ein Rekord. Schade nur, dass der Ruhm nicht dem Motor gebührt, sondern dem Strom.
Pünktlich um acht lag die Elbe hinter uns. Der Wind frischte auf, die Welle erreichte anderthalb Meter – das Echolot zeichnete die Wellenkämme sauber nach. Großsegel im zweiten Reff, Genua im ersten. Die nächsten 15 Seemeilen ging es auf einem Schlag, Rumpf und Segel gegen die Welle gestemmt. Irgendwann saß mir ein Kloß im Hals, ich wurde seekrank, und alle Aufmerksamkeit schrumpfte auf einfache Dinge: tief atmen, den Wind ins Gesicht nehmen, Kurs halten.
37 Seemeilen in 7 Stunden.
Die Insel
Helgoland taucht plötzlich auf: Aus dem graugrünen Horizont wächst ein roter Fels, wie ein Leuchtfeuer aus einer anderen Welt. Beim Näherkommen spürt man eine ganz besondere Aufregung. Einst war dieser winzige Archipel ein britischer Marinestützpunkt, später ging er an Deutschland. Heute ist er ein ruhiger Kurort mit einzigartiger Natur, ohne Autos, die Luft voller Meeresgeruch und Vogelgeschrei. Nach dem Geschaukel in der Welle hier anzukommen ist fast, als träte man in einen anderen Lebensrhythmus.
Anlegen
Wir liefen Helgoland von Süden an. Erst drehten wir vor den Wind und rollten die Genua ein, dann in den Wind, um das Großsegel zu bergen. Bei dieser Welle ist das immer ein Abenteuer. Als Erstes schauten wir in den Südhafen: Dort lagen große Yachten ab 40 Fuß, im Päckchen zu zweit oder zu dritt. Die Entscheidung lag auf der Hand – ab in den Nordhafen, der für Boote unter 10 Metern gedacht ist. Und das war richtig: Freie Plätze gab es genug.
Die «Rassvet» hat keine Mittelklampe, deshalb ist eine Spring nicht so einfach zu legen. Ich musste mir eine eigene Methode ausdenken: Die Leine wird am Steg belegt, läuft durch den Fockschlitten, von dort auf die Winsch und in den Stopper. Das hat sich als praktisch erwiesen und funktioniert zuverlässig.
Bezahlt wird nur von 17:00 bis 18:00, der Liegeplatz kostete 30 Euro. Während wir auf den Hafenmeister warteten, verrieten uns die Nachbarn den Code für Dusche und Toilette. Danach zogen wir los, die Insel zu erkunden.
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Wetter auf der Passage
Liegeplatz
Ein Tag auf Helgoland
Im 19. Jahrhundert gehörte Helgoland zu Großbritannien und diente als Flottenstützpunkt. 1890 wurde es gegen deutsche Kolonien in Afrika getauscht. Im Zweiten Weltkrieg wurde es zur Seefestung. Nach dem Krieg versuchten die Briten, die Befestigungen dem Erdboden gleichzumachen: 1947 brachten sie 6700 Tonnen Sprengstoff im Fels an.
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Der große Knall
Im 19. Jahrhundert gehörte Helgoland zu Großbritannien und diente als Flottenstützpunkt. 1890 wurde es gegen deutsche Kolonien in Afrika getauscht. Im Zweiten Weltkrieg wurde die Insel zur Seefestung. Nach dem Krieg versuchten die Briten, die Befestigungen dem Erdboden gleichzumachen: 1947 wurden 6700 Tonnen Sprengstoff in den Fels gepackt. Die Sprengung ging als Operation „Big Bang“ in die Geschichte ein – die größte nichtnukleare Explosion Europas. Doch die Insel hielt stand, zurück blieben nur riesige Krater auf dem Oberland.
Die rote Perle der Nordsee
Gleich nach dem Anlegen machten wir uns daran, Helgoland gegen den Uhrzeigersinn zu erkunden. Zuerst kamen ein Sandstrand und eine gewaltige Wand aus rotem Sandstein. Wie immer zog ich die Schuhe aus und ging barfuß. Die Leute ringsum suchten etwas. Ich ging zu einer Frau und fragte, was sie da machen. Es stellte sich heraus, dass man hier einzigartigen roten Feuerstein finden kann. Sofort packte uns das „Goldfieber“, und der Blick wanderte ständig nach unten.
Am Ende des Strandes führte eine Treppe nach oben. Von dort sahen wir grüne Hügel und einen Pfad. Nach etwa 10 Minuten tauchte die Nordspitze mit einer 47 Meter hohen Felssäule auf – die Lange Anna. Das Wahrzeichen Helgolands, beliebt bei Touristen und … bei Vögeln.
Hier liegt einer der wichtigsten Orte Nordeuropas, um Zugvögel zu beobachten. Im Herbst rasten hier Hunderttausende auf ihrem langen Flug von Sibirien nach Afrika. Selbst im August summte die Küste vor Leben. Auf der Westseite empfingen uns Kolonien von Basstölpeln. Diese großen Vögel fliegen bis zu 100 km/h schnell und tauchen 40 Meter tief nach Fisch. Es waren so viele, dass man die Hand ausstrecken und sie berühren konnte.
Der Ort
Hinter dem Leuchtturm beginnt der Ort. Enge Gassen, Häuser im norddeutschen Stil, eine Stille, die nur vom Geschrei der Möwen und vom Rauschen der Brandung unterbrochen wird. Autos gibt es hier per Gesetz nicht. Weiter hinten werden die Straßen zu einer endlosen Reihe von Läden und Restaurants. Helgoland ist zollfrei: Die Preise liegen 19 % niedriger, und für Alkohol und Zigaretten kommen bis heute Fähren aus Hamburg herüber.
Am Straßenrand stand ein Schulmädchen und verkaufte Steinchen – genau die aus rotem Feuerstein. Ganz allein, aber mit sturer Zuversicht. Ich blieb wie von selbst stehen, und eine Minute später steckte ein Stein für drei Euro in meiner Tasche.
Düne
Am Abend brachte uns die Fähre in fünf Minuten zur Nachbarinsel Düne. Eine Sandinsel, die ständig ihre Form ändert. Feste Einwohner gibt es nicht: nur Strände, ein paar Cafés und einen Sonnenschirmverleih. Der Abendspaziergang endete mit einer unerwarteten Begegnung. Direkt am Strand lag eine Gruppe Robben. Sie beobachteten die Menschen träge, ohne sich zu rühren. Ein seltener Moment ganz nah an der wilden Natur – danach kann man gar nicht anders, als sich in diesen Ort zu verlieben.
Unangenehme Überraschung
Ganz ohne kleinen „Fuckup“ ging es nicht. Auf Passagen benutze ich oft Wärmepads für die Füße. Eines riss beim Anlegen, und der Inhalt, der wie Sand aussah, verteilte sich übers Deck. Erst schien das eine Kleinigkeit. Doch später zeigten sich Rostflecken. Der „Sand“ war Eisenpulver, das sich sofort in den Lack fraß. Mit Wasser ging es nicht ab. Darum muss ich mich dann in Kiel kümmern.
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Die Passage
Zur Insel Wangerooge
8. August 2025. Wind 5 Beaufort aus Südsüdwest. Alle friesischen Inseln lagen im Südwesten, und die Morgenflut drohte das Boot noch weiter nach Osten zu versetzen. Dazu musste ein Verkehrstrennungsgebiet gequert werden. Keine einfache Passage. Ziel: Wangerooge, 30 Meilen südlich. Alles weiter westlich war ohnehin nicht mehr zu erreichen.
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Planung und Auslaufen
8. August 2025. Wind 5 Beaufort aus Südsüdwest. Alle friesischen Inseln liegen im Südwesten, und die Morgenflut drohte das Boot noch weiter nach Osten zu versetzen. Dazu musste ein Verkehrstrennungsgebiet gequert werden. Keine einfache Passage.
Ziel: Wangerooge, 30 Seemeilen südlich. Alles weiter westlich war schon nicht mehr zu schaffen. Wir mussten so hoch am Wind laufen wie nur möglich. Laut den Bewertungen auf Navily kommt man dort nur von −2 bis +2 Stunden um Hochwasser hinein. Und Hochwasser war um 12:04. Bei 5 Knoten hätten wir um sechs Uhr morgens los müssen. Aber wir würden kreuzen müssen. Und schlafen mussten wir auch noch. Um 04:40 verließen wir Helgoland.
Die Passage
Die Sonne ging strahlend auf. Der Wind erreichte bis zu 24 Knoten. Großsegel im zweiten Reff, Genua im ersten. Etwa anderthalb Meter Welle, bis zu 30° Krängung. Das Boot lief 6 Knoten, und es kam sogar das Gefühl auf, Wangerooge sei doch zu schaffen. Das GPS bestätigte die Hoffnung.
Doch der Strom nahm zu, und wir wurden immer weiter nach Osten versetzt. Also Motor an, um höher an den Wind zu kommen.
Ansteuerung
Gegen elf kam die Einfahrt in Sicht. Autopilot aus, Steuern von Hand. Die Route führte an Lateralzeichen entlang. Hinter der Sandbarre gab ich die Pinne an Kolja ab und kümmerte mich ums Großsegel. Den Weg in die Marina markierten Pricken, in den Grund gesteckte Zweige: Zweige nach oben – rot, nach unten – grün. Gleich daneben schwamm in aller Ruhe ein Seehund an uns vorbei.
Der Hafen war rappelvoll. Auf dem Steg ruderte ein Mann mit den Armen und wies die Ankommenden ein. Nach fünf Minuten zeigte er uns das Boot, an dem wir längsseits gehen sollten. Etwas später machte ein drittes Segelboot neben uns fest, und wir kamen mit seinem Eigner ins Gespräch.
Die Geheimnisse des Watts
Der Eigner gab zu, dass er fast nie auf die Nordsee hinausgeht. Zwischen Festland und Inseln gibt es eine ganz eigene Welt – das Wattenmeer. Unterwegs sein kann man dort nur mit der Flut, dafür gibt es kaum Welle und kaum starken Wind. Aber die Yacht muss besonders sein: höchstens 90 cm Tiefgang und eine Kühlung über einen Außenkreislauf, sonst setzt das sandige Wasser den Motor zu. Solche Boote baut man in den Niederlanden.
Wasser im Salon
Als ich in die Kajüte hinunterstieg, sah ich den nassen Teppich. Mir lief es kalt den Rücken hinunter: Zu frisch war noch die Geschichte mit dem Wassereinbruch. Ich nahm eine Probe. Salzig. Das Wasser stand unter beiden Kojen. Während ich lenzte, suchte Kostja nach der Ursache. Der Übeltäter war die Stopfbuchse der Welle. Durch sie sickerte Wasser in einem dünnen Rinnsal in den Raum unter dem Motor. Bei Krängung sprang die Pumpe nicht immer an, und ein Teil lief in den Salon über. Vor Ort lässt sich das nicht reparieren. Die Lösung ist provisorisch: den Pegel im Auge behalten und die Stopfbuchse im Winter tauschen. Hauptsache, wir gehen vorher nicht unter.
Die wandernde Insel
Die Nacht kostete 22 Euro. Zwei Toilettenkabinen und zwei Duschen mit unbegrenzt Wasser. In den Ort sind es 5 km zu Fuß oder mit dem Fahrrad, das man gleich vor Ort leihen kann. Oder man steigt am Hafen in die winzige Inselbahn. Autos sind verboten.
Wangerooge sieht aus wie endlose Felder, zwischen denen drei Leuchttürme stehen. Der älteste, ein Backsteinturm aus dem 19. Jahrhundert, dient heute als Aussichtsturm und … als Trauzimmer.
Der Weg über die Pfade war erstaunlich schön. Hasen zupften gleich neben uns Gras und beachteten uns gar nicht. Und noch eine Besonderheit: Jeder Sturm trägt den Westteil ab und spült im Osten Sand an. Die Insel steht nicht still – sie wandert ständig.
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Wetter auf der Passage
Die Passage
Wangerooge – Norderney
9. August 2025. Am Vortag waren alle 30 Liter aus den Kanistern in den 40-Liter-Dieseltank gewandert. Ums Tanken mussten wir uns also bald kümmern. Wir liefen um 10 Uhr aus, drei Stunden vor Hochwasser. Das Ablegen war knifflig: Auf beiden Seiten lagen Boote. Wir mussten uns an einer Leine zurückziehen, um das Heck um 45 Grad herumzudrehen.
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Die Dieselfrage
9. August 2025. Am Vortag waren alle 30 Liter aus den Kanistern in den 40-Liter-Dieseltank gewandert. Um das Tanken mussten wir uns also bald kümmern.
Wir liefen um 10 Uhr aus, drei Stunden vor Hochwasser. Das Ablegen war nicht einfach: Auf beiden Seiten lagen Boote. Wir mussten uns an einer Leine verholen, um das Heck um 45 Grad herumzubringen. Zum Glück halfen die Nachbarn.
Entlang der Sandbänke
Zwischen Wangerooge und Spiekeroog fällt die Tiefe auf einen halben Meter. Karte und Tonnen stimmen nicht immer überein, deshalb fuhren wir sehr vorsichtig an den roten Tonnen entlang. Ohne Zwischenfälle kamen wir auf See. Leichter Südwestwind, wolkenloser Himmel. Segel hoch, Motor dazu, Kurs gesetzt, Autopilot an, T-Shirts aus und ab ins Cockpit.
Minimalziel: Spiekeroog, Maximalziel: Norderney. Ich glich ständig Geschwindigkeit, ETA und Gezeitentabelle ab. Alles sprach dafür, dass wir Norderney schaffen. Die Passage war ruhig: Eine Insel verschwand achteraus, voraus wuchs die nächste aus dem Meer, und so immer weiter.
31 Seemeilen in 6,5 Stunden.
Ankunft und das Diesel-Dilemma
In Norderney stand sofort eine To-do-Liste an: Diesel, Wasser, Route. Für den Liegeplatz zahlten wir €20. Auf die Frage nach Diesel antwortete der Hafenmeister: nur in Kanistern, nur B7 (also mit Bioanteil). Biodiesel will ich aber eigentlich nicht im Tank haben.
Wir gingen zu Edeka, kauften jeder ein Brötchen und Wasser und setzten uns an die Tische. Ich öffnete Google Maps, ChatGPT, Navionics … Den letzten Diesel ohne Bioanteil hatte es in Cuxhaven gegeben. Das nächste GTL (Gas-to-Liquid) gibt es in Lauwersoog in den Niederlanden.
Zurück an Bord erzählte ich den Nachbarn von meinem Problem. Ihr Rat war ein echtes Geschenk: über Delfzijl in die Niederlande, durch Groningen und in Lauwersoog wieder raus. An einem Tag machbar, der Mast muss nicht gelegt werden, und Wind ist in den Kanälen kein Problem. Das hat mich begeistert. Die Kanäle waren schon lange mein Traum. Fehlte nur noch die rot-weiß-blaue Gastlandflagge. Der Hafenmeister hatte genau so eine – für €5. Holland, wir kommen!
Stadt und Fest
Danach ging es zum Abendspaziergang. Auf einer Wiese Dutzende Hasen, daneben grasten Pferde, und zwischen ihren Beinen hoppelten noch mehr Langohren herum. Ein lustiger Anblick. Im Zentrum war Weinfest. Die deutschen Würstchen kamen gerade recht. An der Promenade färbte der Sonnenuntergang das Wasser, und die Stadt wirkte besonders gemütlich: viele Cafés und Restaurants, leichtes festliches Treiben.
Tee auf ostfriesische Art
Im Laden kaufte ich Kluntjes – Kandiszucker, eine lokale Spezialität. Ostfriesland ist für seine Teekultur berühmt. Es heißt, Hitler habe versucht, das Land auf Kaffee umzustellen, aber die Friesen hätten so lautstark rebelliert, dass er sie lieber in Ruhe ließ. Ob das stimmt, weiß ich nicht, aber die Geschichte ist hübsch.
Das Teeritual ist einfach: Man brüht eine kräftige Mischung aus Assam und Darjeeling auf und gießt sie in eine Tasse, auf deren Boden ein Kluntje liegt; obendrauf kommt vorsichtig eine Schicht Sahne. Umrühren ist verboten. Man trinkt in Schichten: erst die Sahne, dann den herben Tee, dann die Süße. Und die wichtigste Regel: drei Tassen hintereinander. Unter drei machen es die Friesen nicht.
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Wetter auf der Passage
Die Passage
In die Niederlande: Lauwersoog
10. August 2025. Mit einsetzender Ebbe um 07:13 ausgelaufen. Laut Navionics hatte die Sandbank zwischen den Inseln 1,5 Meter Wassertiefe. Das ist weniger als mein Tiefgang. Ich hoffte, dass das Wasser bis zu unserer Ankunft wenigstens um einen Meter steigt. An die Bank kamen wir bei 18 Knoten aus Nordwest. Welle 1,5 Meter – ich verfolgte sie am Echolot.
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Die gefährliche Sandbank
10. August 2025. Wir liefen mit Einsetzen der Ebbe um 07:13 aus. Laut Navionics lagen über der Sandbank zwischen den Inseln 1,5 Meter. Das ist weniger als mein Tiefgang. Ich hoffte, dass das Wasser bis zu unserer Ankunft wenigstens um einen Meter höher stehen würde.
An der Sandbank wehte es mit 18 Knoten aus Nordwest. Welle 1,5 Meter – ich verfolgte sie am Tiefenmesser. Meine ganze Aufmerksamkeit galt den Zahlen: Ein paar Mal fiel die Tiefe auf 90 cm unter dem Kiel. Erst als wir durch waren, konnte ich durchatmen und Kostya wieder schlafen schicken.
Kurs auf die Niederlande
Ich wollte den Wind nutzen und direkt bis Lauwersoog durchlaufen, ohne in die Ems oder nach Delfzijl abzubiegen. Ich hielt weiter nördlich, um bis zum Verkehrstrennungsgebiet zu kommen und von dort Kurs auf Schiermonnikoog zu nehmen. Die ersten drei Stunden ließ der Wind diesen Kurs nicht zu – auf dem Generalkurs schaffte ich nur 7 Seemeilen. Beim zweiten Anlauf passte der Winkel, und es war klar: Wir können direkt in die Niederlande.
Inzwischen war Kostya zurück im Cockpit. Ich übergab ihm den Kurs, bat ihn, die Lage im Auge zu behalten, und gönnte mir zum ersten Mal im Leben eine Pause auf See. Normalerweise bin ich ständig auf Wache, aber diesmal vertraute ich dem Boot und verzog mich für eine Stunde in die Kajüte. Ein seltsames Gefühl: Alles knarrt, schaukelt und rauscht, von Sicherheitsgefühl keine Spur. Aber der Schlaf kam trotzdem. Ich kam wieder raus, als wir an einem Windpark vorbeifuhren.
Ansteuerung von Schiermonnikoog
Unter Land rollte ich die Segel ein und lief unter Motor weiter. Die Flut setzte gerade erst ein, die Tiefen wechselten, und wieder klebten meine Augen am Echolot. Auf der Karte steht es ausdrücklich: Die Tiefen hier sind veränderlich, Seeleute sollten vorsichtig sein.
Gegen neun Uhr abends lagen wir vor dem Schleusentor. Hinter uns 70 Seemeilen und 14 Stunden. Ich versuchte, den Schleusenwärter zu erreichen: UKW, Telefon, Knopf am Tor, ich stieg sogar zum Häuschen hinauf. Ohne Erfolg. Am Ende machten wir in einer Marina in der Nähe längsseits an einer Yacht fest.
Ein Tipp aus Holland
Der Nachbar war ein freundlicher Holländer mit großartigem Humor. Ich klagte, dass die Schleuse nicht aufgeht. Er empfahl mir die App Waterkaarten: Sie hat Karten der Binnengewässer aller europäischen Länder. Man gibt die Daten seines Bootes ein, und das Programm plant die Route selbst, mit allen Brücken und Schleusen. Für jede Schleuse stehen Betriebszeiten, UKW-Kanal und Telefonnummer da. Installiert, registriert – und ich hatte das Gefühl, jetzt einen echten „Schlüssel“ zu den holländischen Kanälen in der Hand zu halten. Die Betriebszeiten sind übrigens fest. Meist von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends.
Die erste Nacht in Holland
In der Marina gab es keinen Hafenmeister. Bezahlt wird über die Blue Water App: €23, danach erschien auf dem Bildschirm der Code für die Sanitäranlagen. Duschen und Toiletten gab es genug, Wasser und Strom ohne Limit. Nach dem langen Tag kam mir die heiße Dusche wie Luxus vor. Und zum ersten Mal seit vierundzwanzig Stunden konnte ich in Ruhe schlafen gehen.
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Wetter auf der Passage
Kanäle
Über die Kanäle nach Groningen
11. August 2025. Das Wetter versprach ruhig zu werden, und der Plan war ehrgeizig: die Niederlande an einem Tag durch die Kanäle durchqueren. Um 7:50 liefen wir zur Schleuse aus: Die Tore standen schon offen. Rein, die Festmacher an den herabhängenden Leinen belegt, und ganz entspannt durch. Danach bogen wir in die Marina Noordergat ab und tankten: 30 Liter in die Kanister und noch 15 in den Tank, zu 2,12 € pro Liter.
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Erste Schleusen und Diesel
11. August 2025. Das Wetter versprach ruhig zu werden, und der Plan war ehrgeizig: die Niederlande an einem Tag über die Kanäle zu durchqueren. Um 7:50 fuhren wir zur Schleuse: Die Tore standen schon offen und warteten auf uns. Wir fuhren hinein, legten die Festmacher um die herabhängenden Leinen und schleusten in aller Ruhe durch.
Danach bogen wir in die Marina Noordergat ab und tankten: 30 Liter in die Kanister und noch 15 in den Tank, zu €2,12 pro Liter. Der Vorrat sollte reichen, um zurück nach Deutschland zu kommen.
Kanäle und Brücken
Die Kanäle hier sind wie schnurgerade Flüsse, 30–50 Meter breit und bis zu fünf Meter tief. Wind gab es kaum, die Sonne schien, und an den Ufern erstreckten sich endlose Felder, auf denen Kühe und Schafe grasten. Ohne die Klappbrücken wäre die Passage ziemlich langweilig gewesen.
Die Brücken brachten Leben in die Sache. Anfangs rief ich sie brav über Funk und meldete mich nach allen Regeln der Kunst. Dann merkte ich, dass ein Brückenwärter gleich für mehrere Brücken zuständig ist. Also stellte ich auf die Kurzform um: „Bridge [Name], may I pass?“ Das funktionierte kein bisschen schlechter.
Danach probierten wir die Rufknöpfe an den Brücken. Es stellte sich heraus, dass auch die direkt beim Brückenwärter ankommen. Die eigentliche Entdeckung war aber, dass man gar nichts tun muss: einfach auf die Brücke zufahren und warten. Der Brückenwärter bemerkte uns und erledigte alles selbst. Ich fühlte mich ein bisschen schuldig: Für unser kleines Boot wurde der ganze Verkehr angehalten. Manchmal schien es, als würde die Brücke schon geöffnet, bevor wir überhaupt um die Kurve kamen.
An einem Tag schafften wir 18 Brücken und zwei Schleusen und probierten alle drei Methoden aus. Und das alles völlig kostenlos.
Groningen
Gegen 14:30 erreichten wir Groningen. Wir mussten bis 15:30 durch sein, bevor die Brücken eine Pause einlegen. Der Kanal in der Stadt war etwas Besonderes: an den Ufern Reihen alter Häuser, an den Kais lange Lastkähne, zu Wohnschiffen mit Strom und Kanalisation umgebaut. Ich dachte immer, so etwas gibt es nur in Amsterdam, aber hier ist es genauso – nur ohne Touristen.
Ich schaute mich um und ertappte mich bei dem Gefühl, dass ein Kindheitstraum in Erfüllung gegangen war: mit dem Boot durchs Herz einer Stadt zu fahren, zwischen Menschen, Häusern und Brücken.
Unerwarteter Stopp
Mitten in der Stadt hielt uns eine Brücke auf. Wir warteten ein paar Minuten, aber die Klappen rührten sich nicht. Ich rief über Funk. Der Brückenwärter teilte mit, dass die Brücke heute nicht geöffnet werde. Ich rief noch per Telefon an, um Genaueres zu erfahren – die Nummer hatte ich aus Waterkaarten. Es stellte sich heraus, dass in der Stadt ein Festival lief und die Brücke einfach gesperrt war. Einen anderen Weg ohne Mastlegen gab es nicht. Ich war enttäuscht. Die ganze Woche waren wir mit achterlichem Wind hierhergeprescht, und während wir hier warten, dreht der Wind auf Ost, und wir müssen wieder dagegen an.
Wir machten am städtischen Kai unter Bäumen fest. Tagesbilanz: 27 Seemeilen und 7,5 Stunden unterwegs.
Abend in der Stadt
Ehrlich gesagt war die Verzögerung ein Geschenk. Alle Zweifel waren sofort verflogen: Nach einem langen Tag zwischen Feldern und Kanälen wirkte Groningen wie ein Fest. Wir schlenderten durch die Gassen, schauten in Läden und probierten Käse mit vollem, nussigem Geschmack. Überall klingelten Fahrradklingeln, aus den Cafés drang Lachen, und die Musik spiegelte sich zusammen mit den Laternen im Wasser der Grachten. Die Stimmung war leicht und unbeschwert. Die Stadt hinterließ ein Gefühl von Gemütlichkeit und Freiheit, das ich am liebsten mitgenommen hätte.
#Passage
Wetter auf der Passage
Die Passage
Wieder auf See: Borkum
12. August 2025. Der Plan sah perfekt aus: um 09:30 aus Groningen los, 24 Meilen Kanäle bis Delfzijl und dort um 15:06 sein, wenn die Tide von Flut auf Ebbe kentert. Mit mitlaufendem Strom und Ostwind blieben dann noch 13 Meilen auf der Ems. Fast wie aus dem Lehrbuch. Wir kamen etwas später los, um 09:50.
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Der Rückweg
12. August 2025. Der Plan sah perfekt aus: um 09:30 aus Groningen los, 24 Seemeilen Kanäle bis Delfzijl und dort um 15:06 sein, wenn die Flut in die Ebbe kippt. Mit Strom von achtern und Ostwind blieben dann noch 13 Seemeilen auf der Ems. Fast Bedingungen wie aus dem Lehrbuch.
Wir kamen etwas später los, um 09:50. Die erste Prüfung war die Brücke, die gestern geschlossen gewesen war. Ich rief den Brückenwärter an, er bat uns zu warten. Eine halbe Stunde später kam eine Frau mit einer Tasche zum Häuschen, und die Klappen gingen hoch. Wir wünschten ihr einen schönen Tag und fuhren weiter. Am Stadtrand wartete eine gigantische zehnspurige Straßenbrücke auf uns. Für unsere neun Meter lange Yacht wurde der gesamte Verkehr angehalten, und die massiven Brückenteile krochen nach oben. Man spürte: Holland weiß das Wasser zu respektieren.
Eine Lektion vom Binnenschiff
12 Brücken lagen hinter uns, als wir die Schleuse Delfzijl erreichten. Vor uns fuhr ein Binnenschiff ein. Ich trieb vor dem Tor, während es festmachte. Sobald alles ruhig schien, fuhr ich hinterher. Und dann gab das Schiff plötzlich Gas. Das Wasser brodelte, der Strom warf uns wie ein Spielzeug gegen die Wand. Ich konnte nur noch rufen: „O Gott!“, und schon krachte es.
Vom Ufer kamen zwei junge Frauen und fragten, ob alles in Ordnung sei. Wir kamen ins Gespräch: Sie erklärten, dass man nicht hinter einem Binnenschiff einfahren sollte, sondern besser auf den nächsten Schleusengang wartet. Dann schlugen sie vor, dass wir zuerst ausfahren, damit wir nicht wieder in den Schraubenstrom geraten. Ein mehr als angebrachter Rat.
Am Ponton prüfte ich den Rumpf. An der Bordwand waren Kratzer, die sich mit Schleifpapier und Farbe leicht beseitigen lassen. Am Bug war ein Stück Gelcoat abgeplatzt, aber das lässt sich spachteln. Den Bugkorb hatte es dagegen ernsthaft erwischt: um etwa vierzig Zentimeter verbogen und fast herausgerissen. Offenbar hatte er den Schlag abgefangen und den Rumpf gerettet. Ich werde ihn abbauen, richten und die Befestigung verstärken müssen. Aber das Wichtigste: Der Rumpf ist heil geblieben.
Die Ems
Danach setzten wir Segel und liefen nach Norden. Wind gab es kaum, also musste der Motor mithelfen. Alles war ruhig, bis wir ins Fahrwasser nach Borkum abbiegen mussten. Dort empfingen uns Gegenwind und starker Strom. Die Geschwindigkeit fiel auf zwei Knoten. Der Motor lief auf Volllast, das Boot wurde herumgeworfen, und den Kurs zu halten war schwer. Wir mussten im Zickzack fahren, um nicht aus dem Fahrwasser zu geraten. Links und rechts Untiefen, und vorbei zogen Motorschiffe und machten Welle. Ein echter Stresscocktail.
Die wichtigste Erkenntnis: Hier fährt man am besten nur mit mitlaufendem Strom ein.
Abend an Land
Wir gingen bei einer anderen Yacht längsseits ins Päckchen. Bis zum Ort waren es fünf Kilometer, aber die Kraft war aufgebraucht. Wir spazierten am Ufer entlang, trafen wilde Hasen und kochten dann Buchweizen mit Dosenfleisch – ein Essen, das sich in Stürmen und Schleusen bewährt hat. Nach der Dusche kam der Schlaf sofort. Ein voller Tag.
#Passage
Wetter auf der Passage
Die Passage
Borkum – Spiekeroog
13. August 2025. Ziel des Tages: rund 50 Meilen von Borkum nach Spiekeroog. Dafür sollten etwa 10 Stunden draufgehen. Die Hauptschwierigkeit ist die Sandbarre vor der Einfahrt. Dort sind nur 20 cm Wasser, und bei Springniedrigwasser liegt der Grund sogar über dem Wasserspiegel. Bei Flut steigt das Wasser hier aber um 3,5 Meter.
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Planung
13. August 2025. Ziel des Tages: rund 50 Seemeilen von Borkum nach Spiekeroog. Dafür sollten etwa 10 Stunden draufgehen. Die größte Schwierigkeit ist die Sandbarre vor der Einfahrt. Dort ist es nur 20 cm tief, und bei Springniedrigwasser fällt der Grund sogar trocken. Bei Flut steigt das Wasser hier aber um 3,5 Meter. Laut meiner Rechnung war Hochwasser um 15:29, also mussten wir spätestens um sechs Uhr morgens los, um nicht gegen die Ebbe anzukämpfen. Aus Borkum kann man jederzeit auslaufen: Die Tiefen reichen, und die Flut setzt erst um 8:39 ein.
Der Wind kam schwach aus Ost, nur 5–7 Knoten. Wir mussten auf den Motor setzen und das Segel nur zur Kursstabilisierung nutzen.
Die Passage
Unterwegs begegneten uns jede Menge Fischkutter. So viele habe ich nirgends sonst gesehen. Überrascht hat mich auch der Salzbelag: Das ganze Deck war mit einem weißen Film überzogen, als hätte jemand das Boot mit Mehl bestäubt. Ansonsten war die Passage ruhig: leichter Wind, kaum Welle.
Schon kurz vor Spiekeroog kam ein Moment wie im Kino. Ich ging zum Mast, um das Segel zu bergen, und ließ Kostya an der Pinne. Das Fall glitt mir durch die Hände, und genau in dem Moment, als das letzte Stück Segel herunterkam, öffnete sich ein unerwarteter Blick: Direkt auf uns zu hielt ein Fischkutter, nur dreihundert Meter entfernt. An beiden Seiten zog er Netze, und hinter dem Heck kreisten Möwen. Ich schrie: „Kostya! Abdrehen! Schnell!“ Erst verstand er nicht, legte dann aber rechtzeitig die Pinne. Wir kamen buchstäblich in fünfzig Metern Abstand aneinander vorbei. Die Schrauben haben die Netze zum Glück nicht erwischt. Die Fischer änderten dabei weder Kurs noch Geschwindigkeit. Wahre Könige der Meere. Gut, dass alles glimpflich ausging.
Spiekeroog
In der Marina waren genug Plätze frei. Wir legten in Ruhe an, zahlten 21 Euro und gingen spazieren.
Die Insel ist ein Ferienort und sehr gepflegt. Hübsche Häuschen mit Namen, Blumen auf den Fensterbänken, ordentliche Gassen. Überall Cafés, Restaurants, Läden und Souvenirgeschäfte. Hinter dem Ort beginnen die Dünen und die Skulptur De Utkieker („Der Ausgucker“), von der aus man einen atemberaubenden Blick über die Weite des Watts hat. Dahinter breite Strände, Sand und Dünen, durch die man wunderbar barfuß streifen kann. Erst der zweite Ort nach Helgoland, den ich wirklich schön nennen möchte.
Eine Überraschung aus dem Watt
Als ich zum Boot zurückkam, erstarrte ich vor Staunen. Im Hafen war fast kein Wasser mehr. Die Yachten standen auf dem Grund, eingesunken im Schlick, ringsum nur Pfützen. Selbst die Kaimauer lag frei. Noch nie hatte ich gesehen, wie eine Marina mitsamt dem Wasser buchstäblich verschwindet.
Atmosphäre
Spiekeroog hat mich nicht nur mit seiner Schönheit überrascht. Die Luft war erfüllt vom Duft der Wiesenkräuter, als liefe man durch eine riesige Naturapotheke. Das wirkte fast heilsam und half, die Müdigkeit zu vergessen und die angespannten Momente des Tages zu verdauen. Ein großartiger Abschluss unserer Passagen durch Ostfriesland. Hierher komme ich bestimmt zurück, dann aber für länger.
#Passage
Wetter auf der Passage
Die Passage
Rückweg nach Cuxhaven
14. August 2025. Das Auslaufen aus Spiekeroog verlangte Präzision: Bei Ebbe ist die Insel über eine Untiefe mit Langeoog verbunden. Hochwasser war um 04:04. Weil ich etwas länger schlafen wollte, plante ich das Auslaufen für 5 Uhr morgens und wollte die Untiefe bis 06:30 hinter mir haben. Sonst droht eine harte Grundberührung.
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Planung
14. August 2025. Das Auslaufen aus Spiekeroog verlangte Präzision: Bei Niedrigwasser ist die Insel über eine Untiefe mit Langeoog verbunden. Hochwasser war um 04:04. Um etwas länger zu schlafen, plante ich das Auslaufen für 5 Uhr morgens und wollte die Untiefe bis 06:30 hinter mir haben. Sonst droht eine harte Grundberührung. Ziel war Büsum. Den Beschreibungen nach ist die Schleuse dort ab einer Tidenhöhe von einem Meter und ohne starken Südwind geöffnet. Um 17:07 sollte die Tidenhöhe 3 Meter betragen, dazu Wind aus Nordwest mit 9 Knoten. Alles sah perfekt aus.
Hinaus in die Dunkelheit
Auf dem Wasser herrschte absolute Finsternis. Das Boot schien durchs All zu schweben. Kolyas Taschenlampe holte die Pricken aus dem Dunkel, die die Ränder des Fahrwassers markierten. Er gab vom Bug die Kommandos, ich hielt Kurs nach dem aufgezeichneten Track auf dem Plotter und schielte nervös aufs Echolot. Ringsum kein Licht, keine Spiegelung, nur glattes Schwarz.
Wind gab es keinen. Wir liefen unter Motor. Der Strom packte uns und beschleunigte uns auf 7,5 Knoten. Gegen sechs Uhr waren wir draußen auf offener See und nahmen Kurs auf Büsum. Unterwegs begegneten uns Yachten, Fischkutter und Containerschiffe. Der Himmel zog sich mit Altostratus zu – Wolken wie eine endlose graue Kuppel.
Begegnung mit der Front
Auf halber Strecke sanken die Wolken tiefer. Das ist meist ein Zeichen für eine aufziehende Front. Die Vorhersagen schwiegen dazu, aber Internet zum Nachsehen gab es schon keins mehr. Der Wind frischte auf 8 Knoten auf, dann auf 12, dann auf 18. Ich setzte die Genua und stellte den Motor ab. Je näher wir dem Fahrwasser von Büsum kamen, desto mehr drehte der Wind. Ein paar Meilen davor blies es schon mit 28 Knoten aus Nordost, und die Welle war auf zwei Meter angewachsen.
Ich rollte das Segel bis aufs zweite Reff ein und lief weiter nach Norden, um später von Osten ins Fahrwasser zu drehen. Aber das Bild wurde nur schlechter: Die Tonnen stimmten nicht mit der Karte überein, der Wind warf mich vom Kurs, und die See brodelte. Über das inReach fragte ich eine aktuelle Vorhersage ab: Laut den Daten waren es dort immer noch 9 Knoten – als gäbe es den Sturm nur für uns.
Ich rechnete mir aus, dass ich am nächsten Tag bei denselben Bedingungen nicht aus Büsum herauskommen würde, beschloss, nichts zu riskieren, und lief Cuxhaven an.
Kehrtwende in Richtung Sicherheit
Ein paar Stunden später ließ der Wind nach, die Wolken zogen ab, und die Sonne kam heraus, als wäre nichts gewesen. Die See war wieder glatt, und der Sturm von eben kam mir vor wie ein Traum. Der Motor zog das Boot munter voran. Gegen 17 Uhr lagen wir in Cuxhaven: 62 Seemeilen und 12 Stunden im Kielwasser.
Abend in der Stadt
Ein Spaziergang an der Uferpromenade löste die Anspannung. Die Sonne ging unter und verwandelte das Wasser in feine Lichtfäden. Am Horizont tauchte das Kreuzfahrtschiff AIDAb auf – über und über in bunten Lichtern. Die riesige schwimmende Stadt zog an der hölzernen Kugelbake vorbei, einem Seezeichen, das hier seit dem 18. Jahrhundert steht. Einst war sie die wichtigste Landmarke für alle, die in die Elbe einliefen, heute ist sie das Wahrzeichen von Cuxhaven. Ich blieb noch eine Weile an der Bake stehen, dann ging ich langsam zurück zum Boot.
#Passage
Wetter auf der Passage
Die Passage
Durch den Kanal zurück nach Kiel
15. August 2025. Einer der seltenen Tage, an denen man nach Sonnenaufgang aufstehen konnte: Die Flut setzte erst um 11:14 ein. Schwacher Westwind, Sonne. Gegen Mittag waren wir an der Tankstelle, machten den Tank voll, gaben die Karte für die Sanitäranlagen ab und liefen um eins in die Elbe aus.
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15. August 2025. Einer der seltenen Tage, an denen ich erst nach Sonnenaufgang aufstehen konnte: Die Flut setzte erst um 11:14 ein. Schwacher Westwind, Sonne. Gegen Mittag legten wir an der Tankstelle an, tankten voll, gaben die Karte für die Sanitäranlagen ab und liefen um eins auf die Elbe aus.
Durch die Schleuse
Der Strom nahm uns mit, und das Boot glitt förmlich nach Brunsbüttel. Die Bedingungen waren ideal: In drei Stunden waren wir an der Schleuse des Nord-Ostsee-Kanals. Ich schaltete auf Kanal 13, um die Anweisungen der Schleusenaufsicht mitzuhören, drehte gegen den Strom und wartete. Die Strömung war kräftig, etwa drei Knoten. Um auf der Stelle zu bleiben, musste ich Gas geben. Nach 15 Minuten öffneten sich die Tore, und uns kam eine Kolonne Boote entgegen. Als das weiße Licht aufleuchtete, gab ich mehr Gas, aber das Boot kam kaum vom Fleck. Ich bekam schon Sorge, dass wir hier stehen würden, bis der Strom nachlässt. Zum Glück hatte der Schleusenmeister es nicht eilig. Langsam, aber sicher fuhren wir hinein.
Hinter uns machte ein junger Mann auf einem norwegischen Boot fest. Es war seine erste Fahrt durch den Kanal. Wir kamen ins Gespräch. Er war beim Rolex Fastnet Race mitgesegelt – einer der bekanntesten Regatten entlang der Südküste Englands. Dort hatte er einen Schlag in den Rumpf abbekommen, den Gennaker verloren und Genua und Großsegel zerrissen. Schaden: 20.000 Euro. „Das erste und das letzte Mal“, sagte er. Kann ich verstehen. Jetzt war er über die Ostsee auf dem Heimweg nach Norwegen, auf der Flucht vor dem nächsten Sturm in der Nordsee.
Als die Tore aufgingen, verabschiedeten wir uns und fuhren hinaus.
Die Stille des Kanals
Drinnen kehrten Ruhe und Frieden ein. Vor einer halben Stunde hatten wir noch gegen den Strom gekämpft und das Boot am Limit gehalten, und jetzt – wie eine andere Welt: eine Stille, in der man nur den eigenen Atem und das Plätschern des Wassers hört. Die Sonne sank und färbte den Himmel golden. Ich hatte das Gefühl, dass der Kampf mit den Elementen vorbei war, als hätte jemand das Grundrauschen der Anspannung der letzten Tage abgeschaltet.
Vor uns lagen fast hundert Kilometer ruhiges Wasser, die man nur tagsüber befahren darf. Es gibt nur fünf Stellen zum Übernachten: bei km 1, 21, 41, 66 und 85. Wir schafften es bis km 41 und machten am Ponton an der alten Schleuse Gieselau fest. Die Tagesbilanz: 38 Seemeilen und 8 Stunden unterwegs.
Der Morgen
Am nächsten Morgen ging es weiter. Alles war ruhig, bis wir in die Schleuse Kiel-Holtenau einfuhren. Dort lagen schon zwei Containerschiffe. Das erste ließ die Maschine laufen und erzeugte hinter sich einen kräftigen Schraubenstrom.
Ich brachte das Boot vorsichtig an den Ponton. Kolya machte die Vorleine fest, aber als ich ihm die Achterleine gab, ließ er die erste aus irgendeinem Grund los und rannte nach hinten. Das Boot drehte sich quer zur Wand. Die Müdigkeit machte sich bemerkbar. Zum Glück waren die Leinen lang genug, und wir mussten uns nicht neu ausrichten.
Das Boot hinter uns hatte weniger Glück: Es lag direkt gegenüber der laufenden Schraube. Die Crew hängte acht Fender raus, und fünf Leute hielten das Boot mit aller Kraft mit den Händen, damit es nicht gegen den Ponton krachte. So hielten sie durch, bis es aus der Schleuse ging.
Das Ende der Passage
Hinter uns lagen weitere 31 Seemeilen und 7 Stunden, dann waren wir in Kiel. Wir liefen müde ein, aber mit dem Gefühl, hinter ein langes Kapitel der Reise einen Punkt gesetzt zu haben. Selbst die ruhigsten Passagen halten noch eine Überraschung bereit – mal wird die Leine falsch geworfen, mal verpasst die Schraube eines Containerschiffs den Nachbarn eine Hydromassage. Als wollte die See sagen: Entspannen darfst du, aber erst nach dem Anlegen.
#Passage
Wetter auf der Passage
Nachwort
Was nach der Reise bleibt
Als ich Anfang August aus Kiel auslief, rechnete ich damit, dass die Nordsee mich abhärten würde: harte Bedingungen, hohe Wellen, starker Wind, und jede Entscheidung auf dem Prüfstand. Genau so kam es. Jeden Tag ging viel Zeit für die Routenplanung drauf: Vorhersagen für Wind, Wellen und Strömung, Gezeitentafeln.
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Die ersten Erwartungen
Als ich Anfang August aus Kiel auslief, rechnete ich damit, dass die Nordsee mich abhärten würde – mit harten Bedingungen, hohen Wellen und starkem Wind, die jede Entscheidung auf die Probe stellen. Und genau so kam es. Jeden Tag ging viel Zeit für die Routenplanung drauf: Vorhersagen für Wind, Wellen und Strömung, Gezeitentabellen. Fehler durfte ich mir nicht leisten – ringsum gab es weder Schutzhäfen noch Ankerplätze.
Nach einer Woche glich ich die Daten schon automatisch ab und rechnete die ideale Zeit zum Auslaufen und zum Ansteuern des nächsten Hafens aus.
Wellen, Strömungen und Fischer
Die Nordsee schaukelt immer. Die Wellen kommen und gehen hier nicht, sie sind einfach da: eine endlose Dünung, Tag und Nacht, wie der Atem des Ozeans selbst. Dazu kamen Strömungen bis 5 Knoten, die flotte Fahrt im Nu in einen Kampf um jeden Meter verwandeln konnten. Untiefen lauerten an jeder Ecke, und die Fischer fühlten sich hier wie die Könige des Reviers: Sie halten direkt auf dich zu, Netze an beiden Seiten, eine Möwenwolke im Schlepptau – und keinerlei Hektik.
Dazu kam aber auch eine erstaunliche Vielfalt: der erste Blick auf die roten Felsen von Helgoland, das Aufkreuzen auf der Elbe gegen den Wind, der Seehund vor Wangerooge, die Hasen auf Norderney, der Sonnenuntergang in Groningen, als die Stadt wie eine lebendige Kulisse wirkte.
Fuck-ups und Lektionen
• Die Wellendichtung führt seit Wangerooge ein Eigenleben und hat sich in einen eingebauten Springbrunnen verwandelt. Mit diesem Upgrade traue ich mich noch nicht so recht auf See.
• Die Schleuse in Delfzijl hat gezeigt, dass es keine gute Idee ist, zusammen mit einem Binnenschiff in eine Engstelle einzufahren. Der Preis: ein Bugkorb, der an der Steuerbordseite aus den Befestigungen gerissen und verbogen wurde.
• Der Fischkutter vor Spiekeroog hat gezeigt, dass das Segel einem genau im ungünstigsten Moment die Sicht nimmt.
• Das Fahrwasser nach Büsum und der Wind, den es „nur für uns gab“, haben mich daran erinnert, dass Vorhersagen Theorie sind. Lerne, Wolken und Luftdruck zu lesen wie ein Buch.
• Das Anlegen im Nord-Ostsee-Kanal bescherte uns den klassischen „Müdigkeitseffekt“: Eine Leine hängt schon lose, und man rennt zur nächsten. Zum Glück waren die Leinen lang genug.
• Im Seegang hat es die Befestigung der Toilette herausgerissen und die Salontür kaputt gemacht. Jetzt schließt sie nicht mehr per Hand, sondern nur noch durch Überzeugungskraft.
• Der Rumpf hat durch einen geplatzten Taschenwärmer rostige Schlieren abbekommen, und jeder Fehler hat einen Kratzer hinterlassen – die See mag keine glatten Oberflächen.
Neue Fähigkeiten
• Die App Waterkaarten, Schleusen und Klappbrücken habe ich jetzt drauf. Rätsel gibt es keine mehr.
• Gezeitenplanung „im Ernstfall“ geübt. Tabellen, Karten und die Uhr wurden Teil des Alltags.
• Das Boot auf Herz und Nieren geprüft: vom Aufprall an der Schleusenwand bis zum Festsitzen im Schlick von Spiekeroog.
Gefühle
Mal blieb mir vor Angst das Herz stehen, wenn das Boot gegen die Schleusenwand geworfen wurde oder die Strömung uns auf der Ems versetzte. Mal ging es vor Begeisterung auf, wenn Möwen über den Fischern kreisten oder der warme Duft der Kräuter auf Spiekeroog die ganze Luft erfüllte. Und da war das Gefühl, einen Kindheitstraum zu erfüllen – mit dem eigenen Boot auf einem Kanal mitten durchs Herz einer Stadt zu fahren.
Zum Schluss
In zwei Wochen haben wir etwas mehr als 500 Seemeilen und Dutzende Brücken und Schleusen hinter uns gebracht, Flaute und Böen erlebt und Städte gesehen, in die man sonst nie kommt. Wir sind über die vertraute Ostsee hinausgefahren und haben eine neue Welt entdeckt, in der Ebbe und Flut mehr entscheiden als Motor und Karte.
Manchmal war es beängstigend, manchmal lustig, aber meistens – wunderschön. Diese zwei Wochen waren nicht einfach eine Passage, sondern eine Geschichte, die man nicht vergessen kann.
#Passage
